Kapitel 23


Grace schob die Hände unter ihr Kopfkissen und presste die Augen fest zusammen. Gestern Nacht hatte sie sich noch irgendwie in ihr Bett geschleppt, nachdem sie einen Nervenzusammenbruch am Straßenrand mitten im Nirgendwo gehabt hatte. Aber das dumpfe Gefühl in ihrer Magengegend war auch noch an diesem Morgen da und sog sie tiefer in die Kissen. Sie wollte nie wieder aufstehen. Sie wollte einfach zusammengerollt daliegen und die Welt an ihr vorüber ziehen lassen.

Sie konnte nicht fassen, dass ihre Großmutter Bescheid wusste und dass sie es Dylan Nite verraten hatte. Was sollte sie jetzt tun? Sollte sie dieses Wissen einfach ignorieren? Sollte sie Blanche damit konfrontieren?

Nein.

Nein, das konnte sie nicht. Wollte sie nicht. Das ging nicht.

Das Kissen roch nach ihrem Lieblingsparfüm und die leichte Sommerdecke gab gerade warm genug. In ihrem kleinen Reich zwischen Federn und Deckenbergen war sie sicher. Sicher, aber todunglücklich. Am liebsten hätte sie geschrien, die Laken zerrissen und die Kissen zerfetzt, doch dazu hatte sie keine Kraft. Seit damals schien alles in ihr gelähmt. Jedes Gefühl war verschwunden. Begraben unter einem Berg aus Zögern, aus Panik und von Beklemmung. Das einzige was helfen würde, war aufzustehen und raus zu gehen. Den Sprung wagen und ihre kleine Insel der Einsamkeit und der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

„Zehn Minuten“, murmelte sie in den Kissenbezug. „Zehn Minuten“, dann würde sie aufstehen und die Vergangenheit zwischen ihrem Bettzeug zurücklassen.

*

Dylans Trainingseinheit war an ihm vorübergezogen, ohne dass er sie aktiv mitbekommen hatte. Seine Gedanken kreisten um die kleine Reporterin und darum, was er getan hatte. Immer noch. Er wollte nicht darüber nachdenken, weshalb er sich unbedingt bei ihr hatte entschuldigen wollen und warum ihn die Sache mit ihr so kratzte.

Er war nicht dafür gemacht, um sich um irgendetwas zu scheren. Um irgendjemanden. Und er konnte mit kaputten Dingen und Leuten nichts anfangen. Er fühlte sich unwohl in deren Nähe, weil er wusste, dass sie seine Art nicht vertrugen. Er war ein Stoffel. Ein Trampeltier. Weshalb er also, hatte er versucht ausgerechnet bei Grace eine Ausnahme zu machen? Nun, über seinem Mittagessen brütend, war ihm das absolut schleierhaft.

Er hätte sie einfach in Frieden lassen sollen. Einen Bogen um sie machen, wie um ein Ausstellungsstück in einem Museum. Es gab hunderte Frauen, die noch besser aussahen als die kleine Reporterin. Grace war nicht sein Problem. Nicht seine Baustelle. Auch wenn ihre Großmutter ihm zu viel über sie verraten hatte. Er war nicht für den Knacks verantwortlich, den sie weg hatte.

Wo es endete, wenn er beschloss zu helfen, hatte er gestern gesehen. Er hatte ihr helfen wollen und es war ins glatte Gegenteil umgeschlagen.

„Dylan, Kumpel, du verbiegst deine Gabel.“ Jensen nahm ihm sein Besteck aus der Hand und Dylan zwang sich dazu durchzuatmen. Er hatte stur in seinem Teller gestochert, ohne auf seine Umgebung zu achten.

„Nimmst du Aufputschmittel oder so?“ Jensen betrachte die Spaghetti und die lädierten Zinken der Gabel kritisch.

„Du weißt verdammt nochmal genau, dass ich das nicht tue!“, raunzte Dylan seinen Tischnachbarn an, der eine Augenbraue nach oben zog.

„Mann, du hast Hormonschwankungen wie ein Vierzehnjähriger!“

„Habe ich nicht. Ich denke nach.“ Dylan gab ein Grollen von sich. Von vielen hätte er sich das vorwerfen lassen. Aber nicht von Jensen, der größten Diva, die die Welt je gesehen hatte. Sein bester Kumpel deutete mit seiner Gabel in Richtung seines Gesichts. „Du solltest damit aufhören, bevor du dir noch dabei weh tust.“

„Witzig.“

Jensen grinste ihn breit an. „Ja, ist es.“

*

Aus dem Bett zu kommen und sich an die Arbeit für die Verschriftlichung des Interviews zu machen, war eine gute Ablenkung. Die Worte flossen wie von selbst aufs Papier, ohne dass sie darüber nachdenken musste. Vor dem PC, nur begleitet von den Notizen auf ihrem Block und den Aufnahmen ihres Diktiergeräts war sie abgelenkt von jedem schmerzhaften Gedanken an ihre Vergangenheit. Es gab nur noch ihren Interviewpartner, an dem sie sich abarbeiten konnte. Und Clint hatte ihr viel gegeben, dass sie verarbeiten konnte.

Zumindest genug, um Dylan Nite erfolgreich aus ihrem Kopf heraus zu halten.

Sie ließ ihren Cursor über die Seite wandern, während sie ihre bisherigen Worte nachlas und musste sich ein Grinsen verkneifen. Clint war ein wirklich spezieller Charakter, der ihr einiges an Nerven abverlangt hatte. Aber es hatte sich gelohnt.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als neben ihr das Telefon zu klingeln begann.

„Grace Goodwin.“

„Hallo, Hasenfuß!“

„April”, entkam es ihr verdutzt. „Waren wir verabredet?“

„Nein.“ Ihre beste Freundin gab ein tiefes Seufzen von sich. „Waren wir nicht. Obwohl das eine Schande ist. Nein, ich rufe an, weil ich nach deiner Telefonnummer gefragt worden bin. Von meinem Kollegen Danny.“

„Oh.“ Grace zwang sich durchzuatmen, während sie das Telefon fester umfasste.

„Ich habe gesagt, ich würde dich fragen.“

„Ich habe kein Interesse, April.“ Sie ließ sich auf der Lehne ihrer Couch nieder und betrachtete das Cover ihrer Fernsehzeitschrift.

„Bist du sicher? Du weißt doch noch wer Danny ist?“

„Ja, das weiß ich, aber ich will kein … ich habe keine Zeit um jemanden zu daten, April“, log Grace, während sie die Konturen des Filmstars studierte, der sie mit strahlendblauen Augen vom Foto anlächelte. „Ich muss … die Spieler der Wolves beanspruchen gerade meine ganze Freizeit.“

„Grace.“ April klang alles andere als überzeugt. „Schieb nicht immer deine Arbeit vor.“

Grace schloss die Augen. Vielleicht wäre sie bei jemand anderem mit ihrer Ausrede durchgekommen. „Ich will nicht“, wisperte sie schließlich ins Telefon. „Ich kann nicht.“

Am anderen Ende der Leitung wurde es still. „Was ist passiert?“

„Nichts. Nicht viel … ich …ich habe einen schlechten Tag.“ Grace wollte April nicht in Panik versetzten. „Ich … das Interview gestern hängt mir noch in den Knochen, mehr nicht. Kann ich dich später noch einmal anrufen. Ich bin gerade mitten im Schreiben“, rettete sich Grace in sicheres Terrain. Das Schreiben war die einzige Ausrede, die April je hatte zählen lassen.

„Oh …Klar. Melde dich sobald du fertig bist, okay?“

„Mach ich“, versprach sie und ließ ihr Telefon zurück in die Ladestation sinken, ehe sie sich wieder ihrem Laptop zuwandte.

Sie war noch lange nicht fertig mit Clint Tucker und er würde sie noch für ein paar Stunden begleiten, ehe sie sich erlauben würde April zu gestehen, was passiert war.


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