Kapitel 24


Dylan ließ sich aufs Sofa im Gemeinschaftsraum fallen und bereute es noch im gleichen Augenblick. „Heilige Scheiße ist das Ding unbequem.“ Er hatte sich beim Fallen lassen gerade sämtliche Wirbel gestaucht, dessen war er sich sicher.

„Wem sagst du das.“ Ilias, der ihm gegenüber in einer Zeitschrift blätterte, sah nicht auf. „Janne behauptet steif und fest diese Couch hätte seiner Karriere eine ganze Saison gekostet.“

Dylan stemmte seine Füße gegen den kleinen Tisch vor sich. Seine Trainingseinheit am Nachmittag war eine mittlere Katastrophe gewesen. Als unkonzentriert und unausgeschlafen hatte ihn sein Coach bezeichnet und schließlich vom Platz geschickt wie einen verfluchten Schuljungen.

Normalerweise war er gut darin, auf dem Platz an nichts anders zu denken, als an den nächsten Spielzug. Was zum Geier was los mit ihm? Graces Geschichte und ihre Reaktion sollte ihm nicht so nahe gehen. Er kannte sie ja kaum und das wenige, das er wusste, hatte er von ihrer Großmutter erfahren.

Sein Kiefer gab ein Knirschen von sich. Wenn er so weiter machte, würde er noch auf der Couch einer dieser Wortverdreher landen, die den Leuten einredeten, dass sie Probleme hatten, wo überhaupt keine waren. Die Arme verschränkend, starrte er auf seine Schuhkappen. Er hatte in seiner Kindheit verdammt nochmal genug Psychologen gesehen, die ihn alle zwingen wollten über seine Mutter zu sprechen. Etwas wozu er nichts sagen konnte. Er wusste nichts mehr von ihr. Alles was er hatte war dieses eine Bild und die Erinnerung an zu viele Tränen.

„Sag mal zerbröckelt gerade der Stahl in deinem Kiefer?“, wollte Ilias wissen.

„Witzig“, brummte Dylan zwischen zusammengebissenen Zähnen. Nein, er würde nicht mehr darüber nachdenken. Weder über seine lausige Kindheit noch über den Horror, den Grace erlebt hatte.

„Ich bin im Kraftraum, wenn mich jemand sucht“, verabschiedete er sich von seinem Kollegen.

*

Grace hatte versucht objektiv zu bleiben was Clints Artikel betraf, aber als sie ihn nun überflog musste sie zugeben, dass er ein wenig schnippisch klang, als sie ihn ein paar Stunden später April vorlas.

„Ich war ein wenig genervt von ihm“, gab sie zu. „Aber ich schwöre es ist nichts als die Wahrheit.“

„Ich finde den Artikel amüsant. Und deine Leser werden es auch so sehen.“

„Hoffen wir’s.“ Sie umfasste ihr Telefon etwas fester. Sie hatte April berichtet, was auf dem Trainingsgelände passiert war, ohne die Nerven zu verlieren, aber ihre Stimme klang noch immer nicht ganz gesund.

„Ich bin stolz auf dich. Es gehört einiges dazu solche Männer zu interviewen, ohne einen Herzkasper zu bekommen. Ganz besonders mit einer Vergangenheit wie der deinen. Das wäre vor ein paar Monaten für dich noch undenkbar gewesen. Aber du hast wieder Boden unter den Füßen.“

„Es fühlt sich nicht so an.“

„Aber es wird besser, oder nicht?“

„Vielleicht.“ Grace zog ihre Lippe zwischen die Zähne. „Immer hin bin ich nicht an Ort und Stelle ausgeflippt, sondern erst in meinem Auto.“ Es war traurig, dass sie ihren hinausgezögerten Zusammenbruch schon als Erfolg verbuchen konnte.

„Du solltest es wirklich mal mit Danny versuchen. Er ist nicht groß, aber sehr charmant und wenn dir das Date zu viel wird, kannst du einfach gehen.“

„April.“

„Komm schon, Hasenfuß. Irgendwie müssen wir dich wieder aufs Pferd kriegen.“ Die Stimme ihrer besten Freundin klang sanft. „Ich will nicht, dass du einsam und alleine durchs Leben gehst.“

„Ich bin nicht allein. Mein Leben ist sehr erfüllt, auch ohne Kerl in meinem Leben.“

„Du weißt was ich meine. Und du kannst auch weiter Single bleiben, wenn du das willst. Es ist nur ein Date, dass zu nichts führen muss.“

„Ich weiß nicht, April.“

„Ein Essen. In einem Restaurant deiner Wahl. Du kannst das.“

Grace suchte nach einer Ausrede, doch ihr fiel keine ein. „Na schön. Ende nächster Woche habe ich ein wenig Luft. Aber du sagst ihm besser gleich, dass er sich keine Hoffnungen machen soll.“

April gab ein tiefes Seufzen von sich. „Gut. Ich sag es ihm, aber du musst versprechen dich nicht ein paar Tage vorher rauszureden.“

*

Die Rapmusik, die in seinen Ohren wiederhalte, half ihm normalerweise beim Abschalten und vertrieb die Langeweile beim stoischen Hantel stemmen. Doch heute Abend hörte er den frauenfeindlichen Texten zu, ihrem Gewäsch über Waffen und Erzfeinde und schämte sich wider besseres Wissen für seinen Musikgeschmack, während ihm der Schweiß über den Rücken rann. Er mochte Sex und er gab zu die Frauen mit denen er ins Bett stieg nicht gerade wie ein Gentleman zu behandeln, aber er hatte verdammt nochmal keiner körperlich weh getan, oder sie zu irgendetwas genötigt, dass sie nicht wollten.

Er lebte nun mall in einer verdammt nochmal testosterongeschwängerten Footballwelt. Daran war nichts Falsches. Die Frauen, die sich auf seine Teamkollegen oder ihn einließen wussten, woran sie waren, genau wie diejenigen, die es mit den Musikern trieben, die solche Texte verfassten.

Trotzdem zog er schließlich seine Kopfhörer ab und ließ seine Hanteln sinken. Blanche und Grace hatte ihm die Laune versaut und ihm seine Musik madig gemacht. Er hoffte, dass die beiden stolz auf sich waren.


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